Der Journalist, der Nutzer und die Qualität der Inhalte

„User, her­zlich willkom­men — aber nur die, die sich an die Min­de­stregeln von Com­mu­ni­ties hal­ten. Bis­lang gelingt es uns ganz gut, die Mei­n­ungsran­dalier­er im Griff zu behal­ten.“ Frank Thom­sen, Chefredak­teur von stern.de

„Es gibt Kom­mentare, die will ich auch nicht für eine Minute unter meinen Artikeln ste­hen haben. Das ist auch ein Zeichen der Wertschätzung unseren Usern gegenüber, dass wir nicht jeden Unsinn freis­chal­ten.“
Jochen Weg­n­er, Chefredak­teur focus.de

Zwei Zitate, die stel­lvertre­tend für die Hal­tung etabliert­er Nachrich­t­e­nan­bi­eter gegenüber dem nutzer­gener­ierten Con­tent ste­hen. Zusam­men­fassen liesse sich die Ein­stel­lung mit den Worten: Leser­mei­n­un­gen ja, aber nur passende. Und welche passt, entschei­det die Redak­tion. Und dies sind die lib­eralen Töne. Wer sich weit­er umhört, der stösst auf deut­lichere Worte: „Die guten Redak­tio­nen soll­ten ihre Siele geschlossen hal­ten, damit der ganze Dreck von unten nicht durch ihre Scheißhäuser nach oben kommt“, sagte Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges im Som­mer 2007.

Mar­tin Korosec, Geschäfts­führer des Europa Fachpresse-Verlags ist zuförder­st um seinen Nach­wuchs besorgt: „Ich will nicht, dass meine Kinder ihre Mei­n­ung aus dem Web 2.0 — von Blog­gern – bilden lassen — son­dern von Qual­ität­sjour­nal­is­ten.“ Aber nicht nur von Jour­nal­is­ten, auch von ander­er inter­essiert­er Seite ist des öfteren zu hören: „Web 2.0? User gen­er­at­ed con­tent? Das ist doch qual­i­ta­tiv min­der­w­er­tig.“ Die gut­meinen­den for­mulieren zumin­d­est in Frage­form: „Wie schaf­fen Sie es, im Web 2.0 die Qual­ität sicherzustellen?“

Als Vertreter des Web 2.0 und bedin­gungslos­er Befür­worter nutzer­gener­iert­er Inhalte kön­nte man es sich (genau­so) ein­fach machen und zum Gegen­schlag aus­holen: „Nach welchen Kri­te­rien entschei­den Jour­nal­is­ten, welche Artikel veröf­fentlicht wer­den? Warum sind soviele redak­tionell erar­beit­ete Nachricht­en fehler­haft?“ Aber das wäre zu ein­fach. Denn es geht nicht um ein Bew­erten der „anderen Seite“, der Erstel­lung der Inhalte, des Inputs. Vielmehr geht es um eine Bew­er­tung des Out­puts, eine Bew­er­tung der Qual­ität des Inhalts, die Nachricht­en­qual­ität. Woran wird die Qual­ität eines Inhalts – hier: einer Nachricht – fest­gemacht? An Rel­e­vanz, Richtigkeit und Aktu­al­ität.

Aktuell sind redak­tionell erstellte und nutzer­gener­ierte Nachricht­en gle­icher­massen – bei den Top­news mit einem klaren Vorteil bei den redak­tionell erstell­ten, da hier die Recher­ché stat­tfind­et. Richtig; d.h. kor­rekt recher­chiert, sind redak­tionell erstellte Nachricht­en des öfteren nicht (mehr), da alle Ver­lage an der Ressource Jour­nal­ist sparen und zusät­zlich die Nachrichten-Halbwertzeit im Inter­net­zeital­ter deut­lich geringer ist als noch zu Print-Zeiten. Fehler sind also vor­pro­gram­miert. Auf der anderen Seite recher­chieren viele Nutzer entwed­er gar nicht (sie übernehmen) oder nur ober­fläch­lich. Dies wird allerd­ings häu­fig durch die öffentliche Diskus­sion in Web 2.0 Com­mu­ni­ties wettgemacht: find­i­ge Nutzer ent­lar­ven Fehler, kor­rigieren sie und schaf­fen so ein kor­rek­tes Bild der Nachricht­en­lage. Zusät­zlich gibt es für viele The­men­bere­iche Nutzer, die sich das entsprechende Thema zum Hobby gemacht haben und sich deshalb min­destens so gut ausken­nen, wie der entsprechende Redak­teur.

Die Rel­e­vanz einer Nachricht wird bei redak­tionell ges­teuerten Nachrich­t­e­nan­bi­etern durch Redak­teure, bei Web 2.0 Anbi­etern durch die Com­mu­ni­ty definiert. Hier kann sich jeder selb­st die Frage beant­worten, wo die höhere Rel­e­vanz erzielt wird.

Meines Eracht­ens soll­ten Jour­nal­is­ten wie die Befür­worter des nutzer­gener­ierten Con­tents die Beurteilung der Nachricht­en­gener­ierung der jew­eils anderen Seite bei­seite lassen und sich gemein­sam darum bemühen, dem Leser das Beste aus bei­den Wel­ten zu bieten. Beide Wege führen zum Ziel, und gemein­sam zu einer besseren Erfahrung beim Nutzer.

Ach ja – und die Qual­ität? Das sollte jeder für sich selb­st beant­worten – was spricht gegen ein verwack­eltes Ama­teurvideo vom stur­mge­plagten Lan­dean­flug auf dem Ham­burg­er Flughafen? Hoher Authen­tiz­itäts­fak­tor, kön­nte man for­mulieren 😉

2 Replies to “Der Journalist, der Nutzer und die Qualität der Inhalte”

  1. Robert says:

    Korosec hat ja né coole Mei­n­ung:)) Wann hat er das gesagt und wo?

  2. michael says:

    @robert: auf einer Ver­anstal­tung des Medi­en Net­zw­erks München — mehr dazu siehe hier: http://www.michaelreuter.org/2008/02/medien-im-wande.html

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