Die Finanzkrise, Venture Capital und Start-ups

Screenshot_05 Von Dienstag bis zum gestrigen Donnerstag habe ich die Web 2.0 Expo in Berlin besucht. Veranstalter dieser Konferenz ist O’Reilly Media, ein Unternehmen von Tim ‘Reilly, der als Schöpfer bzw. Vater des Begriffes Web 2.0 gilt.

Im Unterschied zur letztjährigen Web 2.0 Expo und ihrer etwas mondäneren Pariser Schwester LeWeb finden dieses Jahr beide Veranstaltungen unter dem extrem schlechten Vorzeichen der weltweiten Finanzkrise statt. Seit einigen Jahren sich entwickelnd, seit Monaten bekannt und seit Wochen konkret Start-ups beeinflussend, besteht meines Erachtens kein Zweifel daran, dass die Subprime Crisis viele (deutsche) Start-ups vom Markt fegen wird.

Geschrieben wurde schon viel und früh über den Einfluss der Krise auf die Venture Capital Unternehmen und Unternehmensgründer – aber eigene Erfahrungen sind doch immer ein bisschen konkreter und verdeutlichen das Ausmass eines Problems besser: Während der Web 2.0 Expo habe ich von zwei Start-ups erfahren, dass “sichere” Finanzierungsrunden in letzter Minute (d.h. einen Tag vor dem entscheidenden Notartermin) abgeblasen wurden. In einem weiteren Fall ist die Anschlussfinanzierung geplatzt. Die Konsequenz: sofortige Entlassungen von zwei respektive vier Mitarbeitern.

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Von Venture Capital Seite kamen die üblichen Botschaften, wie: “Venture Capital ist in Europa mehr als reichlich vorhanden”, “Der kluge VC investiert in schwierigen Phasen” und “Stellen Sie Produkte oder Dienstleistungen her, die potentielle Kunden kaufen würden”. Platitüden Phrasen, die kaum ein realistisches Bild eines möglichen VC-Pitches abbilden werden. Lediglich Business Angel Rob Schiller brachte süffisanten Realismus in Spiel, als er auf die Frage: “Wie können Euch Gründer ansprechen?” antwortete: “You cannot reach me. I won’t answer your email.”




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Soweit, so wenig überraschend.

In Grübeln kommt der geneigte Konferenzbesucher jedoch beim Besuch des Pitchcamps, eines Workshops für Start-ups, die ihre Unternehmenskonzepte in 5-minütigen Auftritten präsentierten. Wenige der präsentierten Unternehmenskonzepte konnten selbst das Publikum überzeugen, ganz zu schweigen von den Juroren aus dem VC-Umfeld. Einige Gründer schienen schlecht vorbereitet zu sein bzw. waren überhaupt nicht in der Lage, ihre Botschaften verständlich rüberzubringen. Geradezu frustrierend wirkt es, wenn jetzt – wir erinnern uns: es gibt eine bedrohliche Finanzkrise – Konzepte vorgestellt wurden, bei denen der einzige USP darin bestehen solle, dass das Management Team besser sei als auf dem Markt agierende Wettbewerber.

So sehr die aus dem Unternehmerlager gelegentlich geäusserte Kritik an Venture Capital Unternehmen berechtigt zu sein scheint, so überrascht muss man sein, wenn von Gründern so wenig angeboten wird. Der von deutschen VCs gemeinhin geäusserte – und leichthin als Arroganz abzutuende – Satz: “9 von 10 eingesandten Businessplänen sind Schrott” erscheint in einem neuen, nachvollziehbareren Licht.

Nun ist es immer sehr einfach, Kritik an anderen zu üben und sich selbst aussen vor zu lassen. Wir mit der YiGG GmbH hatten das Glück, eine zweite Finanzierungsrunde im Juni dieses Jahres abschliessen zu können, bei der unsere beiden bisherigen Investoren mitgezogen sind. Allerdings wurde auch diese Runde zu für uns Gründer schlechteren Bedingungen durchgeführt, als noch im März geplant. Das bedeutet u.a. dass wir innerhalb kürzerer Zeit den Break-Even erreichen müssen. Auf gut deutsch: Wir brauchen mehr Umsatz in weniger Zeit bei niedrigeren Kosten. Neben der Tatsache, dass dieses sog. Minimax-Ziel in der Betriebswirtschaftslehre als unrealistisch angesehen wird, ist es eine sportliche Herausforderung für uns. D.h. selbst mit einer zweiten Finanzierungsrunde im Rücken, ist die Zukunft eines Start-ups momentan alles andere als gesichert. Leider wird dies nur selten explizit gesagt – viele Gründer verstecken sich hinter nebulösen Formulieren oder wollen es sich nicht eingestehen, dass es kurz vor zwölf ist.

Und jetzt?

Da ich das Pech Glück hatte, den Dotcom-Tod in den Jahren 2001-02 hautnah mitzuerleben, bedeutet die aktuelle Finanzkrise für mich persönlich – und damit auch ein gutes Stück für YiGG: immer, wenn man denkt, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann, irrt man. Deshalb sollte jeder Gründer m.E. versuchen, eine der folgenden Lösungen für sein Unternehmen innerhalb der nächsten 3-6 Monate zu finden:
– Verkauf
– Integration in einen strategischen Partner (Teilverkauf)
– Kooperation mit (strategischem) Partner
– Bootstrapping (Kostenbasis (wieder) auf ungefähr 0 Euro bringen

Die schönen Zeiten für Start-ups sind bis auf weiteres vorbei. Weder werden die VCs nennenswert Geld investieren, noch wird Unternehmertum “in” sein. Daher sollte man als positiv eingestellter Unternehmer einen der o.g. Punkte beherzigen, während der Zyniker analog zum ehemaligen dotcomtod.com eine webzweinulltod.com aufmachen dürfte. So, wie nach 2002 das Internet nicht tot war, wird auch nach 2009 Web 2.0 nicht tot sein, sondern einen immer grösser werdenden Anteil des Internet ausmachen. Lasst uns dabei sein!

Alle Bilder: Saul Klein, Index Ventures

One thought on “Die Finanzkrise, Venture Capital und Start-ups

  1. Die schöne Zeit für den start-up, der wie die Pilze dem Regen nach wächst, ist vielleicht verbracht. Trotzdem denke ich, daß der start-up von Qualität immer Investoren finden wird. Sogar in Krisenzeit wie jetzt. Man muß optimistisch bleiben!

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